Picknick-Wochenende oder Expedition?
Copyright © Franz Reinisch 1997
Eine Expedition durch die Simpson Desert war unser langgehegtes Ziel. Zu zweit haben wir uns schon in den Jahren
davor langsam an den Status eines "echten" 4-Wheel Drivers herangearbeitet. Zuerst, 1994 mit einfachen Touren entlang des
Oodnadatta Tracks von Adelaide nach Darwin. Von einem 4-Wheel-Freak wurden wir anno dazumal sanft belächelt,
als wir einen Abstecher nach Finke wegen Unerfahrenheit ausschlugen. Eine weitere "Übungstour" verlief 1995 von Alice Springs
nach Port Hedland. Natürlich entlang des Gunbarrel Highway. Die Bücher des 1995 verstorbenen Len Beadell, der 1958
diese Straße gebaut hat, haben uns zu restlosen Wüstenfans verfallen lassen. Und das sollte aber auch reichen, um die ersehnte
"Expedition" durch die Simpson Desert zu machen. Warum aber so ein Theater um das kurze Stück durch die Weite des
Australischen Zentrums? Erstens sind wir ausgesprochene Bürohengste und zweitens machen wir gerne unsere Ausflüge alleine
und ohne Zutun von Reisebüros. Also: Wenn einer eine Reise tut, kann er nachher nicht nur was erzählen, sondern sollte sich
auch vorher vorbereiten. Das Kartenmaterial war schnell beschafft. John Deckert von Westprint ist einer der erfahrensten
Simpson-Fahrer. Er verkauft nicht nur die Karten (1:1.000.000), sondern kennt auch eine ganze Menge Stories zwischen Birdsville
und Carnegie Homestead. Da wir mittlerweile die Autovermieter kennen (Brits, Maui-Sunseeker usw.) wissen wir auch, daß es für
Alleinreisende (d.h. ohne Konvoi) etwas aufwendiger ist, ins Outback zu fahren. Ein zweites Reserverad auf Felge aufgezogen,
ist ebenso selbstverständlich wie eigenes Werkzeug, Montiereisen, Schraubenschlüssel, Karabiner, Seile, Schläuche, Kabel. Zur Dokumentation
war natürlich auch unser altes GPS mit dabei. Ein Funkgerät (leider nur VHF) gehört ebenso zur Ausrüstung von Alleinreisenden
wie das wichtigste Stück: Ein Fliegennetz. Die Autovermieter wehrten sich auch dieses Jahr wieder vehement, ein zweites Rad zu
"vermieten". Ein freundlicher Reifenhändler in Alice Springs hat ausgeholfen. 90% der sogenannten 4-Wheel-Fahrzeuge fahren üblicherweise nur
auf "bitumen-roads". Das ist natürlich voll im Sinne der Vermieter. Die meisten Vermieter kennen ja nicht mal die Gegenden, in die es "uns"
4-Wheel-Europäer zieht, ganz zu schweigen von irgendwelchen Tips und aktuellen Informationen.
Um von Alice Springs nach Birdsville, durch die Simpson Desert zu fahren, gibt es zwei Möglichkeiten. Die French-Line oder die Rig-Road. Die Rig-Road
verläuft südlich der schnurgeraden French-Line und wurde zum Transport der Bohrausrüstung für die Erdölförderung genutzt. Da diese Rigs sehr schwer sind,
mußte die Straße befestigt werden. Die Dünenquerungen sind zum großen Teil "befestigt", was immer man sich dabei vorstellen mag. Diese Route wird auch
häufig befahren. Zumindest der Rückweg einer Simpson Rundfahrt führt meist entlang der Rig-Road.
Die French-Line hingegen ist eine schnurgerade Linie vom Purni Bore bis zum Poeppel Corner. Diese Strecke mit ihren 1100 Dünen sollte es
also sein. Direttissima mit 90° zum Dünenverlauf.
Die Anfahrt:
Als Anfahrtsroute haben wir den Old Andado Track gewählt. Eine der schönsten und abwechslungsreichsten "Wüstenstrecken" in Australien. Einen
Reifenschaden nach nur 80 km haben wir mit dem Humor des eingefleischten Outbackers hingenommen. Ein erster Höhepunkt war der Besuch der Old Andado
Homestead, eine original erhaltene und bewohnte Station. Molly Clark, die alte Landlady wird zwar in jedem Outback-Manual genannt, aber daß wir
sie dort wirklich treffen, haben wir nicht geglaubt.
Weiter geht's zur Mount Dare Homestead. Hier wird das letzte Mal vor der Wüstendurchquerung getankt. Diesel und Bier. Das letzte kalte Bier für die nächsten
6 Tage, aber das wußten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir hatten ja diesmal einen Landcruiser mit echtem Kühlschrank! Ein paar Kilometer hinter der Farm
kann man bei einer Flußdurchfahrt ruhig und einsam campen. Nach der Besichtigung der Dalhousie Ruins und einem herrlichen Bad in den Dalhousie Springs geht
es endlich los. Wer jetzt auf dem Track entgegenkommt, kommt von der anderen Seite - ist also ein Gleichgesinnter.
Die Wüste:
Nach 50 km kommt man an eine Claypan (flache Tonebene) mit nicht vorhandenem aber auf den Karten eingezeichnetem Emergency Radio. Diese Gegend soll
angeblich für die ansässige (?) Bevölkerung sehr wichtig sein. Weiter geht's zum Purni Bore. Ein Bohrloch, das von der French-Petroleum Company 1964
bis auf 1400 m Tiefe gebuddelt wurde und heißes Wasser fördert. 1988 wurde der unkontrollierte Wassersegen mit einem Ventil gezügelt. Das Wasserloch ist eine
auf der Welt einzigartige Oase mitten in der Wüste. Alles was fliegt, kriecht oder sonstwie kreucht, trifft sich an dieser Wasserstelle. Achtung: Heiß! Wenn man Glück
hat (wie wir) sieht und hört man in der Nacht wilde Dromedare beim Wassertanken. Ein eindrucksvolles Schauspiel, wenn es sich um Herden von 15 - 20 Tieren handelt.
Am nächsten Tag kann man dann die Spuren der Tiere kilometerweit verfolgen. Sie lieben offensichtlich auch die French Line.
Nach 25 km, dort wo die Rig Road nach Süden abzweigt, scheiden sich die Geister. "Luftdruck in den Reifen reduzieren" heißt es in allen Karten. Wir entscheiden
uns dafür, erst beim Steckenbleiben zu reduzieren, schließlich muß man den Pneu ja auch wieder aufpumpen. Mit unserer elektrischen "Kinderpumpe" kann das Stunden
dauern. Also - Anfahrt auf die erste Düne. Nach 2/3 verrecken wir im tiefen Sand. Na so was. Also doch Reifendruck reduzieren. Hier beginnt das Studium der Dünen.
Es gibt langsame, schnelle, schlaglöchrige, hinterhältige und high-speed Dünen. Der persönlichen Klassifizierung sind bei 1100 Stück keine Grenzen gesetzt. Man erkennt
rasch, daß einige Dünen einfach nicht mit niedriger Geschwindigkeit (hohes Drehmoment) und Drehzahl runter auf 900 U/min zu schaffen sind. Dann wählt man die schnellere
Gangart. Auch hier lernt man bald, daß einige Dünen von den wenigen, aber doch aktiven Vorgängern (oder besser Vorfahrern) ziemlich geschunden und ausgefahren wurden.
Die Vollgasfuzzys gibt's offensichtlich auch hier. Bei high-speed knallt man in Mulden rein, einmal, zweimal und beim dritten Loch steht man plötzlich wadentief im weichen
Sand. Die eine oder andere Düne haben wir regelrecht umgegraben, um weiter zu kommen. Das Ausladen von Gewicht, Beifahrer, Wasserkanister ist eine der Übungen.
Gewicht auf die Vorderachse oder auf die Hinterachse oder weiß der Teufel wohin. Eine wirklich lehrreiche Fahrt. Nach der 4. Düne haben wir unseren (schon bei der Übernahme
des Wagens morschen) Innenausbau des Landcruisers zerstört. Die Wasserkanister haben eine enorme Masse, die bei "zügiger" Fahrt den ganzen Holzeinbau der üblichen
"Bushcamper" mitreißen. Die Aussis sagen trocken: "airborn kitchen" zu diesem Phänomen.
Leider hat die "airborn kitchen" mit ihren Holzschrauben auch einen unserer zwei Wasserbehälter durchbohrt. Schöne Aussichten nach der 4. Düne. Naja - man kann ja
zurückfahren. Leider war das eine Fehleinschätzung. Mit unseren Standardreifen, den schmalen, bei Staub und Fels bewährten Reifen, ist hier kein Rennen zu machen. Da die
Dünen von West nach Ost weniger steil sind als umgekehrt, ist ein Umkehren einfach nicht möglich. Bei unserer ersten Campingstelle, ca. 2 m vom "Highway" entfernt,
versuchen wir, unsere Bedenken zu zerschlagen und bauen sicherheitshalber einen Funkkontakt auf. Da wir uns leider kein HF (Royal Flying Doctor Radio) ausgeborgt haben,
können wir mit unserem VHF-Gerät "nur" Kontakt nach Oben herstellen. Aber wer eine IFR (Instrumentenflug) Karte mit im Gepäck hat, kennt auch die
entsprechenden Frequenzen der Fluggesellschaften, die da oben den sternklaren Himmel durchkreuzen. An dieser Stelle hat es sich erstmals gelohnt, eine Pilotenausbildung
zu machen. Bei unserem Küchenunfall ist leider auch das böseste Mißgeschick passiert, das man sich in der Wüste vorstellen kann: Der Kühlschrank ist ausgefallen. Damit
haben wir die Tour wie vor mehr als 100 Jahren unsere Vorgänger (Burke & Wills) ohne kaltes Bier gepackt.
Soweit so gut. Wir haben uns den Umständen gebeugt und sind in der geplanten Richtung, also nach Birdsville weitergefahren. Schließlich kommen jetzt im Abstand von 50 km
jeweils Abzweigungen, auf denen man (laut Karte) runter zur Rig Road kommt. Somit kreuzen wir 40 km nach Verlassen der Rig Road den Colson Track. Ein Weg, der exakt zwischen
zwei Dünen rund 500 km nach Alice Springs führt. Also, wer Angst vor zu viel Abwechlung hat, sollte diese Strecke wählen. Die nächsten 130 km dienen wieder hauptsächlich
dem Studium der Dünenbeschaffenheit. Hier zeigen sich auch einige "hinterhältige" Dünen. Man schafft es mit Ach und Krach auf die Düne zu kommen, dann plötzlich, an der
höchsten Stelle, eine Links-Rechts-Kombination. Wenn man mit satten 800 U/min oben ankommt, geht da nichts mehr. Außer Buddeln. Übrigens - Spaten mitnehmen, im Fahrzeug
ist natürlich keiner drinnen. Am besten eignen sich die Klapp-Dinger, die man seinerzeit beim Wehrdienst "organisiert" hat.
Es hat uns so mancher schon gefragt, was an so einer Reise Spaß machen soll. Nun ja - wer jemals allein in der Simpson Desert, bei unbeschreiblichem Sternenhimmel und einem
Fläschchen australischem Shiraz seine Spaghetti pomodoro genossen hat, der weiß was Sache ist. Und wer sich das nicht vorstellen kann, kann ja zu Fuß den Ayers Rock umrunden.
Am Poeppel Corner angekommen, muß man wohl der "alten Jungs" gedenken, die vor nun beinahe 130 Jahren hier das Dreiländereck ausgemessen haben. Die erste Messung
war einen Kilometer Richtung Lake Poeppel daneben. Zuhause in Adelaide haben sie den Messfehler bemerkt und korrigiert. Heute steht ein Nachbau (!) des Holzpfahls, der
das Zusammentreffen der Länder Queensland, Northern Territory und South Australia kennzeichnet, neben dem "echten" Dreiländer-Eck aus Beton. Meßfehler ca 10 m.
Unsereiner mißt mit GPS nach und nickt gefällig mit dem Kopf (und denkt vielleicht über die Arbeitsweise eines Theodolits der Jahrhundertwende nach).
Nach dem Poeppel Corner trifft man auf die QAA-Line. Das ist die Verbindungsstraße der Rig Road vom Süden. Wir erwarten keine Schwierigkeiten auf der "häufig frequentierten"
Strecke. Aber nichts da. Einige Dünen sind auch hier noch unter die Kategorie "schwierig" einzuordnen.
Big Red:
Der größte Hit ist aber wohl die Big Red. Die letzte große rote Düne nach der Durchquerung der Simpson Desert. Viele 4-Wheel-Freaks fahren von der anderen Seite, also von Birdsville,
extra zur Big Red, um sie zu überqueren. Nun gut, wir haben 1099 Dünen überquert, da werden wir wohl diese letzte Hürde auch noch packen. Eine zügige Anfahrt bringt uns auf gut 1/3
der Dünenhöhe. Hoppla. Was ist das denn? Nochmals mit etwas mehr Schwung. Auch nur ein Drittel der Düne. Naja. Es gibt einige Ausweichstrecken. Nehmen wir eben diese. Auch nix.
Wir schaffen es nicht. Meine Frau erklimmt die Big Red und macht sicherheitshalber ein Photo von oben. Damit ich zu Hause beim Diavortrag auch einmal sehen kann, wie's von ganz oben aussieht. Ok. Muß ja
nicht sein, wer durch die Simpson Desert kommt, muß ja diese letzte Idioten-Düne nicht unbedingt bezwingen. 3 km weiter südlich gibt's die sogenannte Chicken Road. Was soll's.
Aber wir haben auch dieses sch.. Ding nicht auf Anhieb geschafft. Die schmalen Reifen und weiß der Teufel was (?) machen so rund 10 Versuche nötig. Aber dann. Mit beängstigender
Geschwindigkeit (90 km/h) geht's rauf auf den weichen Sand. Dann noch 5 m graben und schon ist es geschafft.
Nach der letzten Düne trinken wir erstmal ein (warmes) Bier. VB natürlich. Danach versuchen wir die Reifen wieder auf Druck zu bringen. Nach einer halben Stunde mit der elektrischen
Kinderluftpumpe (die laut Beschreibung bis zu 15 bar leistet) entscheiden wir uns für langsames Weiterfahren bis Birdsville.
Das Ziel:
Das Ziel war ja bekanntlich der Weg - aber der Zielpunkt dieses Teilstücks ist erreicht. Birdsville (80 Einwohner, der ganze Bezirk hat 200 Einwohner und ist ein gutes Stück größer als
Österreich). Campingplatz, Dusche - und - ein eiskaltes Bier im Birdsville Hotel. Hier treffen sich alle, die aus der Wüste kommen, oder in die Wüste fahren. Ein toller Platz zum Austausch
von Erfahrungen.
Hier läßt sich auch die eingangs gestellte Frage klären:
Picknick-Wochenende oder Expedition.
Einige Aussi-Pensionisten (60 - 80 Jahre alt), die unsere Liebe zu Desert-Tracks erkannt haben, erklären uns, daß sie auch durch die Simpson fahren, French Line natürlich, Ost - West natürlich.
Anschließend wollen sie entlang des Gunbarrel Highway zur Canning Stock Route fahren, dem eigentlichen Kernstück ihrer Tour. Ist ja nichts dabei, erstens fährt man im Konvoi von
5 Fahrzeugen. Jeder hat zwei Reserveräder mit. Und jeder hat HF-Funk. Auch um während der Fahrt zu tratschen. Diese Art von Menschen gibt es bei uns nur mehr ganz vereinzelt. In den Bergen.
Bergfexe.
Und nun kommt der eklatanteste Unterschied zwischen den Expeditions-Europäern und den leasure Aussies: Die haben richtig Zeit. Unter einem halben Jahr starten die "Alten" ihre Kisten gar
nicht an. 2 Jahre "visit our land" ist keine Ausnahmeerscheinung. Entweder nach einem arbeitsreichen Leben - in Pension, oder, was man auch oft sieht: Bevor die Kinder in die Schule müssen -
noch einmal eine richtige Reise. 1 Jahr Minimum.
Hier kann sich jeder selbst "seine" Variante der Outback-Tour gestalten. Jede der Varianten hat ihre Berechtigung und ihre Reize. Selbst geführte Touren, die mit Spezialfahrzeugen und 8-10
Sitzplätzen angeboten werden sind (vermutlich) ihr Geld wert. Richtig genießen kann man die Wüste jedoch am besten alleine (wer mag). Und in diesem Fall ist es eben keine Picknick-Fahrt,
da man schließlich für alles selbst zu sorgen hat. Wir haben auch Jungs gesehen, die "einfach so" durch die Simpson gefahren sind. Kann gut gehen, muß aber nicht. Wir haben einige
Wochen später im Mitchell - Plateau erfahren, wie's einem gehen kann, wenn man (voll ausgerüstet) plötzlich leere Batterien (aber dafür kaltes Bier) hat. Da hilft auch die beste
Satellitennavigation nichts.
Da hilft nur eins:
Warten.
Auf gut ausgerüstete Aussies.
Die hierher kommen.
Zum Picknick!